MusikSpitex

Kul­tu­rel­le Teil­ha­be für Men­schen in Pflege

Für vie­le pfle­ge­be­dürf­ti­ge Men­schen in der Schweiz sind kul­tu­rel­le Ange­bo­te kaum noch zugäng­lich. Musik­Spi­tex bringt per­sön­li­che Wunsch­kon­zer­te direkt zu den Men­schen nach Hau­se, in Alters­hei­me und Pfle­ge­insti­tu­tio­nen. Die Musik schafft Begeg­nun­gen, weckt Erin­ne­run­gen und schenkt Momen­te vol­ler Freu­de und Lebenssinn.

In der Schweiz wer­den heu­te rund 476’500 Men­schen von der Spi­tex zu Hau­se gepflegt und betreut. Über 163’000 Per­so­nen leben in einem Alters- oder Pfle­ge­heim. Vie­le von ihnen sind hoch­alt­rig, leben mit chro­ni­schen Erkran­kun­gen, Demenz oder stark ein­ge­schränk­ter Mobi­li­tät. Weil sie kaum noch an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen teil­neh­men kön­nen, ver­lie­ren sie oft nicht nur sozia­le Kon­tak­te, son­dern auch den Zugang zu kul­tu­rel­len Erleb­nis­sen. Genau an die­ser Schnitt­stel­le zwi­schen Pfle­ge und kul­tu­rel­ler Teil­ha­be ent­stand die Musik­Spi­tex. Das schweiz­wei­te Non­pro­fit-Pro­jekt kam durch einen Zufall mit­ten in der Pan­de­mie zustan­de – zu einem Zeit­punkt, als sozia­le Kon­tak­te mas­siv ein­ge­schränkt und kul­tu­rel­le Ange­bo­te prak­tisch zum Erlie­gen gekom­men waren. «Als Musi­ke­rin hat­te ich damals kei­ne Ein­nah­men mehr und orga­ni­sier­te eine Kon­zert­rei­he, die wäh­rend des Lock­downs 2020 nur online statt­fand», erin­nert sich Grün­de­rin und Geschäfts­lei­te­rin Mir­jam Toews. Eines Tages erhielt sie eine Spen­de von einer Spi­tex-Orga­ni­sa­ti­on. Um sich zu bedan­ken, kam ihr die Idee, Weih­nachts­lie­der für die pfle­ge­be­dürf­ti­gen Per­so­nen zu Hau­se zu spie­len. «Nebst den vie­len ver­schie­de­nen Krank­hei­ten sah ich in den Men­schen die Ein­sam­keit, die Ver­letz­lich­keit, und wie gut ihnen Musik tat. Das hat mich nicht mehr los­ge­las­sen», sagt Toews. 2021 grün­de­te sie die Musik­Spi­tex, getra­gen vom Ver­ein cas­sio­peia, mit dem Ziel, sozia­le und kul­tu­rel­le Inklu­si­on bis zum Lebens­en­de zu ermöglichen.

Wunsch­kon­zert fürs Wohlbefinden

Nicht alle Men­schen haben Erfah­rung im Umgang mit pfle­ge­be­dürf­ti­gen oder kran­ken Per­so­nen. Des­halb wer­den die Musiker:innen bei der Musik­Spi­tex beson­ders sorg­fäl­tig vor­be­rei­tet. «Sie absol­vie­ren ein Coa­ching mit Rol­len­spie­len, um auf ver­schie­de­ne Situa­tio­nen bei den Haus­be­su­chen vor­be­rei­tet zu sein», erklärt Toews. Zusätz­lich gehört ein Erste-Hil­fe-Kurs zum Pro­gramm, damit sie auch im Not­fall rich­tig reagie­ren kön­nen. Bei den ersten Ein­sät­zen beglei­tet das Musik­Spi­tex-Team die Musiker:innen per­sön­lich, um zu schau­en, wie sie sich in der Pra­xis ver­hal­ten und ob noch zusätz­li­che Unter­stüt­zung oder Wis­sen nötig ist.

Für die pfle­ge­be­dürf­ti­gen Per­so­nen ver­läuft der gesam­te Pro­zess von der Anmel­dung bis zum Kon­zert bewusst nie­der­schwel­lig. Ange­hö­ri­ge, Pfle­ge­fach­per­so­nen oder die Betrof­fe­nen selbst mel­den sich über das Online­for­mu­lar. Danach wird die per­sön­li­che Lieb­lings­mu­sik abge­fragt. Das ist ein zen­tra­les Ele­ment: «Wir spie­len aus­schliess­lich Wunsch­mu­sik», betont Toews. «Musik, die Betrof­fe­ne nicht mögen, kann Stress ver­ur­sa­chen. Die rich­ti­ge Musik hin­ge­gen löst Wohl­ge­fühl aus.»

Bild: Musik­Spi­tex

«Durch Musik fin­den Pfle­ge­be­dürf­ti­ge Freu­de und Sinn im Leben»

Beson­ders ein­drück­lich zeigt dies ein Kon­zert der Cel­li­stin Valen­ti­na Dubro­vina für eine Wohn­ge­mein­schaft von Frau­en mit Demenz in Zürich. Unter ihnen war eine Bewoh­ne­rin, die sich für einen Frei­tod im Rah­men des Exit-Pro­gramms ent­schie­den hat­te. Ihre Toch­ter wünsch­te sich für sie ein letz­tes Kon­zert im Wohn­haus der Frau­en. Valen­ti­na Dubro­vina erin­nert sich: «Nach den ersten Stücken begann eine Frau ganz lei­se und mit sehr dün­ner Stim­me mein gan­zes Pro­gramm mit­zu­sin­gen. Selbst die Bach-Sui­ten! Es ist schwer zu glau­ben, dass die­se Men­schen schwe­re Demenz haben.» Als sie zum Abschluss das «Ave Maria» spiel­te, san­gen plötz­lich alle Frau­en mit. «Ihre Stim­men waren nicht mehr so stark, aber für mich klang es wie ein Engel­chor», sagt Dubro­vina. «Das war eine unglaub­lich berüh­ren­de Erfahrung.»

Im anschlies­sen­den Gespräch sag­te ihr eine Pfle­ge­rin, die Gesich­ter der Bewoh­ne­rin­nen hät­ten sich durch die Musik sicht­bar ver­än­dert. «Trotz der schreck­li­chen Situa­ti­on, in der sich die­se Men­schen auf­grund ihrer Krank­heit befin­den, fin­den sie Freu­de und Sinn in der Musik», so Dubro­vina. Laut Mir­jam Toews spre­chen gera­de Men­schen mit Demenz sehr stark auf ihre bio­gra­phi­sche Musik an. «Anhand sol­cher Reak­tio­nen mer­ken wir immer wie­der, dass die Musik einen direk­ten Ein­fluss auf die Men­schen hat.»

Wir­kung, die mess­bar ist

Wie nach­hal­tig die­se Erleb­nis­se tat­säch­lich wir­ken, zeigt eine Eva­lua­ti­ons­stu­die der Ber­ner Fach­hoch­schu­le, die 26 Kon­zer­te der Musik­Spi­tex unter­such­te. Laut der Stu­die fühl­ten sich die besuch­ten Per­so­nen nach dem Kon­zert ent­spann­ter, glück­li­cher und erin­ner­ten sich noch lan­ge an den Aus­tausch mit den Musiker:innen. Für Ange­hö­ri­ge und Pfle­gen­de bedeu­tet der Besuch häu­fig auch Ent­la­stung, weil sie ihre Lieb­sten in einem ande­ren Zustand erle­ben. Sie sind gelö­ster, prä­sen­ter, manch­mal lachen oder tan­zen sie sogar. «Alle Gefühls­rich­tun­gen sind vor­han­den», sagt Toews.

Für die kom­men­den Jah­re hat das Team ein kla­res Ziel: Die Musik­Spi­tex soll in allen Schwei­zer Kan­to­nen prä­sent sein. «Wir wol­len für Men­schen musi­zie­ren, die nicht mehr an öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen gehen kön­nen», sagt Toews. «Denn kul­tu­rel­le Teil­ha­be endet nicht an der Haus­tür. Und auch nicht kurz vor dem Lebensende.»

Symbolbild Bildwerke

Musik­Spi­tex

 
Musik­Spi­tex ist ein schweiz­wei­tes Non­pro­fit-Pro­jekt des Ver­eins cas­sio­peia. Es ermög­licht pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen zu Hau­se, in Alters- und Pfle­ge­hei­men oder im Spi­tal den Zugang zu musi­ka­li­scher Kunst. Die Fach­stel­le Musik­Spi­tex orga­ni­siert die Kon­zer­te, bil­det die Musiker:innen gezielt auf den Ein­satz vor Ort aus und pflegt Part­ner­schaf­ten mit Spi­tex-Orga­ni­sa­tio­nen sowie sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen. Ziel ist es, kul­tu­rel­le Teil­ha­be zu för­dern, das Wohl­be­fin­den zu stär­ken und pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen gesell­schaft­li­che Inklu­si­on bis zum Lebens­en­de zu ermöglichen.


Das Spen­den­ma­ga­zin von StiftungSchweiz rich­tet sich an Spen­de­rin­nen und Spen­der. Es infor­miert über aktu­el­le Pro­jek­te, Trends im Spen­den­markt und gibt Tipps, die das digi­ta­le Spen­den ein­fa­cher machen. Jede zwei­te Woche erscheint ergän­zend der «Do Good» Spen­den-News­let­ter.